Warum viele Autoren ihre Leser falsch einschätzen
„Ich weiß genau, für wen ich schreibe.“ Diesen Satz hört man von vielen Autoren. Und tatsächlich haben die meisten eine ziemlich klare Vorstellung von ihrer Zielgruppe. Doch zwischen der angenommenen und der tatsächlichen Leserschaft gibt es oft große Unterschiede.
Das kann dazu führen, dass Bücher schlechter verkauft werden als erwartet oder Marketingmaßnahmen nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Denn wer seine Leser falsch einschätzt, bewirbt häufig die falschen Aspekte seines Buches.
Der häufigste Fehler: Autoren denken wie Autoren

Viele Autoren gehen unbewusst davon aus, dass ihre Leser dieselben Dinge schätzen wie sie selbst.
Wer beispielsweise viel Zeit in die Entwicklung einer komplexen Fantasywelt investiert, ist oft überzeugt, dass genau dieser Aspekt die Leser begeistert. Ein Blick in die Rezensionen zeigt jedoch häufig etwas anderes: Die Leser sprechen von den Figuren, der Spannung oder den überraschenden Wendungen.
Natürlich bedeutet das nicht, dass die Weltgestaltung unwichtig ist. Sie ist oft die Grundlage für ein gutes Buch. Doch sie ist nicht immer der Grund, warum Leser es kaufen oder weiterempfehlen.
Autoren betrachten ihr Werk aus der Perspektive des Schöpfers. Leser betrachten es aus der Perspektive des Konsumenten. Das macht einen großen Unterschied.
Leser kaufen keine Bücher – sie kaufen ein Erlebnis

Die wenigsten Menschen kaufen ein Buch wegen seiner Seitenzahl, einer aufwendigen Recherche oder einer ausgeklügelten Plotstruktur. Sie kaufen ein Versprechen.
Krimileser erwarten Spannung. Liebesroman-Leser wünschen sich Emotionen. Fantasy-Fans suchen Abenteuer und das Eintauchen in eine andere Welt. Sachbuchleser möchten Antworten auf konkrete Fragen oder Lösungen für ein Problem finden.
Wer versteht, welches Bedürfnis das eigene Buch erfüllt, versteht auch seine Leser besser. Deshalb sollten Autoren sich nicht nur fragen, wer ihre Zielgruppe ist, sondern vor allem, warum diese Menschen ihr Buch kaufen.
Rezensionen sind eine Goldgrube

Eine der einfachsten Möglichkeiten, die eigene Leserschaft besser kennenzulernen, sind Rezensionen.
Viele Autoren lesen Bewertungen vor allem, um Lob oder Kritik zu erhalten. Dabei steckt oft viel mehr darin.
Achten Sie darauf, welche Punkte immer wieder genannt werden:
- Welche Figuren bleiben den Lesern im Gedächtnis?
- Welche Szenen werden hervorgehoben?
- Welche Emotionen beschreiben die Leser?
- Was hat sie besonders überrascht oder begeistert?
Wenn mehrere Leser unabhängig voneinander dieselben Aspekte erwähnen, verrät das viel darüber, was Ihre Zielgruppe tatsächlich an Ihrem Buch schätzt. Nicht selten entdecken Autoren auf diese Weise Stärken, die sie selbst nie als besonderes Verkaufsargument betrachtet hätten.
Autoren hören oft zu sehr auf andere Autoren

Ein weiterer häufiger Fehler besteht darin, sich hauptsächlich mit anderen Autoren auszutauschen.
In Schreibgruppen, Facebook-Communities oder auf Messen wird über Perspektiven, Schreibtechniken, Plotstrukturen und Veröffentlichungsstrategien diskutiert. Das kann hilfreich sein, vermittelt aber manchmal ein verzerrtes Bild.
Denn Autoren sind nicht automatisch repräsentativ für die eigene Leserschaft.
Die meisten Leser beschäftigen sich nicht mit Erzählperspektiven oder dem Drei-Akt-Modell. Sie möchten einfach eine gute Geschichte erleben oder hilfreiche Informationen erhalten.
Wer ausschließlich auf das Feedback anderer Autoren hört, läuft Gefahr, die Bedürfnisse seiner tatsächlichen Leser aus den Augen zu verlieren.
Daten sind oft ehrlicher als Vermutungen

Viele Autoren verlassen sich bei der Einschätzung ihrer Zielgruppe auf ihr Bauchgefühl. Das ist verständlich, aber nicht immer zuverlässig.
Wer seine Leser besser verstehen möchte, sollte auch auf Daten achten:
- Welche Bücher verkaufen sich am besten?
- Welche Newsletter werden besonders häufig geöffnet?
- Welche Beiträge auf Social Media erzeugen die meisten Reaktionen?
- Welche Werbeanzeigen funktionieren am besten?
Diese Informationen zeigen oft sehr deutlich, wofür sich Leser wirklich interessieren. Und manchmal widersprechen die Ergebnisse den eigenen Erwartungen.
Fazit
Die meisten Autoren schätzen ihre Leser nicht deshalb falsch ein, weil sie sich zu wenig Gedanken machen. Häufig ist das Gegenteil der Fall. Sie verlassen sich zu stark auf ihre eigenen Vorstellungen.
Wer seine Leser besser verstehen möchte, sollte genauer hinschauen: in Rezensionen, Verkaufszahlen, Newsletter-Reaktionen und Gesprächen mit der eigenen Community.
Denn je besser Sie verstehen, warum Menschen Ihre Bücher kaufen, desto einfacher wird es, die richtigen Geschichten zu schreiben und erfolgreich zu vermarkten.
Am Ende entscheiden nicht die Autoren, was an einem Buch besonders wertvoll ist. Das entscheiden die Leser.